Die mesopotamische Stadt Mardin ist ein architektonisches Meisterwerk und beeindruckt mit ihrer kulturellen Vielfalt. In den letzten Jahrhunderten hat die Stadt viele Völker beherbergt und auch heute ist es das Zuhause von Kurden, Aramäern, Türken und Arabern, die gemeinsam auf einem riesigen Felsen leben.

Bilder wie aus 1001 Nacht

Wer auf seiner Türkeireise den Osten des Landes bereisen möchte, sollte ohne Bedenken Mardin ziemlich weit oben auf die Liste setzen. Denn die Stadt, die zum ersten Mal im 5 Jahrhundert erwähnt wurde, gehört zu den schönsten Städten des Landes und hat sehr viel zu bieten. Erbaut wurde sie auf einem kalksteinhaltigen Felsen, dem Tur Abdin (aramäisch für „Berg der Knechte“) und zeigt mit seiner Altstadt in Richtung Süden. Dort wo in wenigen Kilometern Syrien beginnt. Auf der Spitze befindet sich das „Adlernest“, eine Burg, die in ihren Mauern eine 900 Jahre alte Moschee beherbergt. Von der Festung an abwärts befinden sich die historischen Gebäude.

Ulu Camii aus dem 12. Jahrhundert mit Blick in Richtung Syrien

Ulu Camii aus dem 12. Jahrhundert mit Blick in Richtung Syrien

Ich bin zu Fuß unterwegs und lasse mich von den Straßen und den Gassen der Stadt leiten, auch wenn meine Füße alle paar Meter von den Augen die Anweisung bekommen, stehenzubleiben. Es sind die Verzierungen, die mich in ihren Bann ziehen. Überall ist die Stadt mit geometrischen Mustern, mit Zeichnungen von Pflanzen, Tieren und Wassertropfen verziert. Auch der arabische Einfluss mit den Schriftzügen ist stets im Blick und fasziniert mit seiner Form und den Linien. Vereinzelt ragen Gebäude hervor, die mit ihrer Architektur und den Torbögen wie kleine Paläste wirken. Auch Kirchen findet man vereinzelt in der Stadt, so wie das im Tal stehende Kloster „Zafaran“, dessen Ursprung im 5 Jahrhundert liegt.

Die Menschen nehme ich im ersten Moment nicht wirklich wahr, da ich so fasziniert bin von den Bauwerken und den vielen Mustern, welche die Stadt schmücken. So wird jedoch in den Gassen einem schnell bewusst, dass Istanbul fast doppelt so weit weg ist wie Bagdad und dass nicht nur der Baustil von verschiedenen Kulturen geprägt ist.

Die Terassen von Mardin

Die Terassen von Mardin

In erster Linie verrät die Sprache über die Herkunft der Menschen. Auch wenn Türkisch die offizielle Amtssprache ist, ist Kurdisch die hier am häufigsten gesprochene Sprache. Die Bewohner tragen die typischen weiten Hosen und scheuen sich nicht davor, dich auf einen Tee einzuladen, und um über dich und deine Herkunft zu erfahren. Die Christen in Mardin sind Aramäer, die vor der Vertreibung im zweiten Weltkrieg den Hauptteil der Bevölkerung ausmachten. Heute sind nur wenige von ihnen zurückgeblieben, die in ihren Läden neben Schmuck aus eigenem Handwerk auch Rotwein aus der Region anbieten. Araber trifft man hier ebenfalls an. Sie haben neben den Türken das größte Privileg ihre Sprache und Religion auszuleben, da die Türkei, als islamisch geprägtes Land, ihnen den Rücken stärkt. Yesidische Kurden hat es bis vor wenigen Jahrzehnten auch in Mardin und Umgebung gegeben. Aufgrund der politischen Lage leben die meisten heute überwiegend in Deutschland.

Wasserspiegelung in Mardin

Wasserspiegelung in Mardin

Auf den Straßen merkt man, dass die Menschen hier alle gleich sind und zu einem Ganzen gehören, nämlich ihrer Heimat. Nichts von dem Politischen wird hier nach außen gezeigt. Eher bemühen sie sich die Stadt von ihrer schönen Seite zu zeigen und ihre Existenz zu schützen. Denn Mardin lebt von den kleinen Geschäften und den Bazaren, die versuchen sich in den Straßen und Gassen über Wasser zu halten. Bekannt sind die Geschäfte für ihre Seifen und Öle, die es in den verschiedensten Variationen und Düften gibt. Neben den Dinge des alltäglichen Bedarfs, finden sich auch einige Handwerker, die Kupfer und Silber bearbeiten, um daraus Armreifen und Schmuckkästchen zu schmieden.

Jemand, der Kultur und Vielfalt aus nächster Nähe kennenlernen möchte, der sollte die Stadt, die an der historischen Seidenstraße lag mit eigenen Augen sehen und erleben. Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit, mit der ich begegnet bin, wird mir, neben der Architektur, stets in Erinnerung bleiben.