Die „Rote Stadt“ Marrakesch, im Südwesten von Marokko, hat neben den Bazaren und Souks ein Labyrinth von Gassen zu bieten, in denen man sich leicht verlieren kann. Wie auch diesesmal führte mich der Weg, ohne bestimmtes Ziel, zu den schönsten Plätzen. Diesmal waren es die Gassen selbst, in denen ich mich plötzlich befand.

Dort, wo das Volk lebt

Nachdem ich einige Stunden im Zentrum von Marrakesch unterwegs war und mir von jeder Ecke etwas angeboten wurde, war mir danach, mich von all dem Tumult zu entfernen. Denn in Marrakeschs Zentrum ist es fast unumgänglich nicht aufzufallen und als Tourist gebrandmarkt zu werden. Kobraschlangen, die dir um den Hals gebunden werden und Hena, das dir auf die Haut bemalt wird, sind einige der Dinge, denen man fast nicht entfliehen kann. Spätestens hier wird einem bewusst, dass Marrakesch vom Tourismus lebt. Doch deswegen war ich nicht in Marrakesch. Mir war es  danach die Menschen und die Stadt zu entdecken, welches die Bewohner ihr Zuhause nannten. Also machte ich mich auf den Weg und lief in die Richtung los, in die mich meine Füße trugen. Lange dauerte es nicht, bis sich das Stadtbild veränderte und die Menschenmengen weniger wurden. Schon nach wenigen Minuten Fußweg war kein Platz mehr für Stände und Autos. Aneinandergereihten Häuser zierten die Gassen. Ab und zu liefen Katzen und Hunde vorbei. Die Bewohner schauten einen erstaunt an, so als hätte man sich verlaufen, weil es hier nichts Spektakuläres zu sehen gibt. Doch genau das beeindruckte mich. Denn die kleinen Gassen waren wie ein einziger Wohnblock mit ihren Durchgängen, bei denen man durch die offenen Türen in den Wohnbereich hereinblicken konnte. Überall waren die roten Häuser mit ihren Fenstern auf Augenhöhe, wo die Menschen drin oder am Fenster saßen. In ihren Gesichtern bemerkte ich, dass nicht jeder erfreut war über meine Anwesenheit vor seinem Fenster. Vielleicht war es meine Kamera, die ich um den Hals hatte. Vielleicht auch die Verwunderung selbst, dass sich jemand durch die Gassen traute. Doch solange ich sie mit Respekt begegnete und mich wie ein Gast verhielt, hatte ich keinen Grund zur Sorge. Schließlich wird in den arabischen Kulturen Gastfreundschaft groß geschrieben. Dann bei einer Gelegenheit, als niemand vor und hinter mir war zuckte ich die Kamera, um den Moment zu verewigen.

Das Bild von der Gasse erinnert mich stets daran, dass neben den riesigen Hotels und Poolanlagen Marrakesch auch eine Kehrseite hat. Nämlich die Seite, in der die Menschen dicht besiedelt und mit offenen Türen nebeneinander leben. Dort wo in jeder Ecke ein anderer, merkwürdiger Geruch wehte und man sich wiederholt fragte, ob man diesen Weg nicht schon einmal gelaufen ist. Dort ist für mich das wahre Marrakesch.